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Was kommt nach Kopenhagen?

Interview mit Dr. Lambert Kuijpers, Technische Universität Eindhoven, und Georges Hoeterickx, Vorstandsmitglied von eurammon
„Kopenhagener Vereinbarung“ anstelle eines neuen globalen Klimaabkommens – war Kopenhagen ein Erfolg oder ein Desaster?

Kuijpers: Nach den Vorverhandlungen war faktisch bereits abzusehen, dass diese Konferenz kein neues Klimaabkommen hervorbringen würde. Führende Teilnehmer haben aber gehofft, dass Kopenhagen den Weg für Verhandlungen bereiten würde, um 2010 zu einer rechtsverbindlichen Einigung über die Bekämpfung des Klimawandels zu gelangen – durch eine Reduktion der Emissionen, die Unterstützung der Entwicklungsländer, die Festlegung von Finanzierungsmodellen usw.

Die Verhandlungsführer von Kopenhagen standen wegen der wirtschaftlichen und politischen Gegebenheiten, die von verschiedenen Bereichen des Welthandels bis zur historischen Verantwortung der Industrieländer reichen, vor enormen Herausforderungen. Auf dem durch hohe Erwartungen vorbelasteten Treffen mit über 35.000 Teilnehmern, Beobachtern und Mitgliedern von Nichtregierungsorganisationen wurde schnell klar, dass die Staatengemeinschaft lediglich einen Status quo festschreiben konnte.

Blickt man auf die letzten zwanzig Jahre zurück, lässt sich feststellen, dass die Verabschiedung des ersten Klimaabkommens von Rio (1992) noch relativ einfach war. Auch das 1997 folgende Kyoto-Protokoll war noch machbar, da es nur moderate Reduktionsziele mit einer Vielzahl flexibler Mechanismen vorsah und die Teilnehmerzahl begrenzt war. Doch Kopenhagen als dritte Stufe wurde zu einer unüberwindbaren Hürde. Der Hauptgrund hierfür ist, dass die Vertragsstaaten von Kyoto in Anhang-I-Länder (Industriestaaten) und Nicht-Anhang-I-Länder (Entwicklungsländer) eingeteilt wurden, die ähnliche, aber doch differenzierte Verantwortlichkeiten hatten. Im Laufe der Jahre hat sich diese Aufteilung zu einem schwerwiegenden politischen Problem entwickelt.

Nach der Konferenz von Bali (2007) wurde in zwei Verhandlungssträngen versucht, aus dieser Sackgasse auszubrechen: Erstens bemühten sich die Organisatoren um langfristige Zusagen, um so zu einer Art von rechtsverbindlichem Vertrag zu gelangen, und zweitens versuchten sie kurzfristige Nachbesserungen des Kyoto-Protokolls für den Zeitraum 2012 bis 2020 zu erreichen. Die Verhandlungsführer haben gehofft, dass diese beiden Strategien zu einem späteren Zeitpunkt zusammenkommen und zu einem neuartigen globalen Vertrag führen würden. Doch Kopenhagen hat gezeigt, dass die Entwicklungsländer mit ihren Reduktionszusagen im Rahmen des Kyoto-Protokolls bleiben wollen. Die Kopenhagener Vereinbarung liefert nun lediglich eine (politisch unverbindliche) Orientierungshilfe für das weitere Vorgehen.

Europa hat sich verpflichtet, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um mindestens 20 Prozent zu reduzieren. Was bedeutet das für die Kälte- und Klimaindustrie?
Kuijpers: Obwohl es keine verbindlichen Auflagen für diesen Sektor gibt, ist davon auszugehen, dass sich die europäische Kälte- und Klimaindustrie eine Emissionsminderung um wenigstens 20 Prozent zum Ziel setzen wird. Das könnte bis zu einem gewissen Grade durch den Ausstieg aus H-FKWs und die Nutzung von Alternativen mit geringerem Treibhauspotenzial wie zum Beispiel natürlichen Kältemitteln geschehen. Weitere Reduzierungen müssen durch Energieeinsparungen und höhere Energieeffizienz erreicht werden. Ersteres setzt eine umsichtige Verwendung von Kühlung und Klimatisierung voraus, letzteres beispielsweise intelligente Steuerungen und hochwertigere Komponenten.

Hoeterickx: Europa sollte eigene Maßnahmen zur Verringerung der CO2-Emissionen und des Energieverbrauchs ergreifen, wie es viele nordeuropäische Länder wie Dänemark und Schweden bereits getan haben. So wird zum Beispiel in Schweden zum Heizen von Büros und Häusern weniger als 50 Prozent der Energie benötigt als in Belgien, was auf strengere Isolierungsstandards, Wärmerückgewinnungssysteme usw. zurückzuführen ist. Europa könnte hier eine Führungsrolle einnehmen.

Welche weiteren Regelungen der Kopenhagener Vereinbarung haben Auswirkungen auf die Kälte- und Klimaindustrie?
Hoeterickx: Bei einer Überprüfung aller Prozesse, die Auswirkungen auf unsere Umwelt haben, werden die europäischen Behörden erkennen, welche Vorteile natürliche Kältemittel wie Ammoniak, Kohlendioxid und Kohlenwasserstoffe für viele Anwendungen in der Kälte- und Klimaindustrie haben. Es wird ihre Aufgabe sein, Richtlinien und Regelungen aufzustellen, die den Einsatz dieser Kältemittel fördern, ohne dabei die Sicherheit zu beeinträchtigen.

Kuijpers: Die Kälte- und Klimabranche muss durch ausgeklügeltes Design, intelligente Produktion und Einsatz moderner Technologien den Weg zu Nachhaltigkeit und hoher Energieeffizienz aufzeigen. Es ist schwer zu beurteilen, inwieweit natürliche Kältemittel Vor- oder Nachteile im zukünftigen globalen Kältemarkt haben werden. Sie sollten jedoch immer in Erwägung gezogen und überall dort eingesetzt werden, wo sie Vorteile bieten.

Welche Rolle spielen natürliche Kältemittel bei der Erreichung des 2-Grad-Ziels?
Hoeterickx: Der Einsatz von natürlichen Kältemitteln ist vielleicht nicht der wichtigste, aber einer der vielen notwendigen Schritte, um das 2-Grad-Ziel zu erreichen. Grundsätzlich sollte jeder Prozess, bei dem Energie verbraucht wird, im Hinblick auf seine Auswirkungen auf die Umwelt untersucht und angepasst werden, wenn bestimmte Kriterien nicht erfüllt sind.

Kuijpers: Als Ersatz für H-FCKWs und H-FKWs könnten sie durchaus eine gewisse Rolle spielen, vor allem wenn sie eine höhere Energieeffizienz aufweisen und dadurch zu geringeren CO2-Emissionen führen. Andererseits ist die 2-Grad-Grenze ein langfristiges Ziel (2050 oder später). Bis zu diesem Zeitpunkt werden H-FKWs bereits durch die nächste Generation synthetischer Kältemittel mit geringerem Treibhauspotenzial ersetzt sein, mit denen natürliche Kältemittel dann konkurrieren müssen.

Wie gehen die Klimaverhandlungen jetzt weiter?
Kuijpers: Die Kopenhagener Vereinbarung schlägt eine „Bottom up“-Strategie vor, bei der die Industrie- und Entwicklungsländer ihre Reduktionsziele der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) mitteilen. Die nächsten Treffen sind für Bonn (Juni 2010) und Mexiko (Dezember 2010) geplant. Allerdings ist noch völlig unklar, was bei diesen Konferenzen erreicht werden soll. Der gesamte Prozess muss neu durchdacht werden; neue Modalitäten für einen erfolgversprechenden Gesprächsrahmen sind zu entwickeln. Es sieht so aus, als ob die Welt in den nächsten zehn Jahren eine fragmentierte Strategie zur Bekämpfung des Klimawandels (und speziell der Emissionen) verfolgen wird.

Da weitere Verhandlungen nicht unbedingt direkt von der Klimarahmenkonvention vermittelt werden müssen, könnten Gespräche über weitere Diskussionen auch in ganz anderen Zusammenhängen aufgenommen werden wie zum Beispiel dem „Major Economies Forum on Energy and Climate Change“ (MEF) oder einem Gremium der G-8 oder G-20.

Zwischen 2010 und 2011 könnten die Vertragsstaaten des Montreal-Protokolls erneut die Diskussion über die globale Regulierung der Produktion und des Verbrauchs von H-FKWs als Ersatz für ozonschädigende Stoffe aufnehmen. Diese Gespräche wurden 2009 angestoßen, dann aber wegen fehlender Beiträge aus dem Kyoto-Protokoll-Prozess wieder fallengelassen. Es besteht eine durchaus reale Chance, dass diese Diskussion jetzt zu einer erfolgreicheren Strategie führt. Besonders angesichts der Tatsache, dass für die weiteren Verhandlungen nach Kyoto neue Modalitäten gefunden werden müssen.

Ohne eine verbindliche politische Einigung in Kopenhagen, ohne einen neuen Ausgangspunkt, der für die Verhandlungen über ein neues verbindliches Klimaabkommen unter welcher Aufsicht auch immer gefunden werden muss, wird 2010 hoffentlich zeigen, wie die Länder dieser Welt auf geschlossenere Weise weiter vorgehen möchten.

Über Dr. Lambert Kuijpers
Dr. Lambert Kuijpers lehrt zeitweise am Eindhoven Center for Sustainability der Technischen Universität Eindhoven in den Niederlanden. Kuijpers hält einen Abschluss als MsC und als PhD im Bereich Kernphysik der TU Eindhoven und hat sich bereits in Forschungszentren in den Niederlanden, Italien und Großbritannien mit diesen Problemen beschäftigt. Er war als Bereichsleiter für Thermodynamik (mit F+E zu Themen der Kältetechnik und Klimatisierung) in den Philips Research Labs Eindhoven tätig. Seit 1992 ist Kuijpers Co-Vorsitzender des UNEP Technology and Economic Assessment Panel (TEAP) im Rahmen des Montreal-Protokolls. Er war federführend an der Erstellung vieler Berichte über alle relevanten Probleme des Protokolls von Montreal beteiligt. Er arbeitete aktiv an der Erstellung mehrerer IPCC-Berichte mit, zuletzt am IPCC AR4. Daneben war er von 2008 bis 2009 Berater des UNFCCC für Gase und verschiedene Bemessungsprobleme in den Verhandlungen für ein Nachfolgeabkommen des Kyoto-Protokolls.

Über Georges Hoeterickx
Georges Hoeterickx gehört seit 2004 dem Vorstand von eurammon an. Der 1955 in Leuven geborene Belgier ist Director Business Development bei der Evapco Europe N. V. in Belgien. Hoeterickx studierte an der belgischen De Nayer Universität und schloss sein Studium als Diplomingenieur im Fachbereich Elektromechanik ab. An der Limburger Universität erwarb Hoeterickx 1989 seinen Master of Business Administration. Nach langjährigen Tätigkeiten bei Unternehmen wie Baltimore Aircoil N. V. und ABB Europe Ltd. wechselte er 2008 zu Evapco Europe. Im Laufe seines Berufslebens sammelte Georges Hoeterickx umfangreiche Erfahrungen in den Bereichen Wärmeabführung und Kälteanlagen in Europa und dem Mittleren Osten.